Wird die Gesetzgebung für Sofortüberweisungen die sofortige Innovation im Bankwesen vorantreiben?
Im Februar 2024 verabschiedete die Europäische Union eine Verordnung, die vorschreibt, dass alle Zahlungsdienstleister, die derzeit Standardüberweisungen anbieten, ihren Kunden auch das Senden und Empfangen von Sofortüberweisungen ermöglichen müssen. Um die Standards der Verordnung zu erfüllen, müssen Zahlungsanbieter 24/7-Zugang zu ihren Sofortzahlungsdiensten bieten und Überweisungen müssen innerhalb von 10 Sekunden abgeschlossen werden. Diese Vorschrift geht mit weiteren verbindlichen Änderungen einher, wie z. B. dem neuen Protokoll zur Zahlungsempfängerbestätigung (VOP) und das angepasste Verfahren zur Sanktionsprüfung.
Sofortzahlungen sind zwar kein neues Konzept in der Finanzdienstleistungsbranche, ihre verpflichtende Verfügbarkeit jedoch schon. Wir sprachen mit Alistair Brown, VP Open Banking & Payments bei EPAM, und Fabian Meyer, Managing Partner bei CORE, um zu erfahren, welche Auswirkungen dies auf die Industrie als Ganzes haben könnte und wie diese Regelung die Innovation der Banken insgesamt vorantreiben könnte.
Wie Sie beide wissen, hat EPAM vor kurzem die Ergebnisse seiner neuesten Studie zum Consumer Banking veröffentlicht . Die weltweiten Ergebnisse zeigen, dass von allen digitalen Funktionen, die eine Bank anbieten kann, die von den Verbrauchern am stärksten nachgefragte Funktion der sofortige Zahlungsverkehr ist, der von 78% der Befragten genannt wurde. Was ist Ihrer Meinung nach der Grund für diese Nachfrage?
AB: Ich habe den Eindruck, dass sich die breite Öffentlichkeit nicht wirklich für Zahlungen interessiert. Sie erwarten einfach, dass alles funktioniert und denken nicht wirklich über das Logo oder die Technologie dahinter nach. Sie wollen etwas, das ähnlich ist wie das Handy, das sie in der Tasche haben: immer eingeschaltet, immer funktionstüchtig, unsichtbar in seiner Funktion.
Das ultimative Ziel ist ein Zahlungssystem, das immer eingeschaltet, absolut zuverlässig, betrugssicher und sofort verfügbar ist. Aber der Weg dorthin ist enorm kompliziert.
FM: Jedes zukünftige Zahlungssystem muss den Endkunden unbedingt kostenlos zur Verfügung gestellt werden, das ich stark bezweifle, dass Privatkunden bereit sind, für die Zahlungsabwicklung zu bezahlen. Außerdem muss es nahtlos in den Kundenprozess eingebettet sein und ich denke, das trifft den Kern der jüngsten EU-Verordnung über Sofortzahlungen.
AB: Interessant wird es bei den verschiedenen Produkten und Dienstleistungen, die auf der Echtzeit-Zahlungsinfrastruktur aufgebaut werden können, und hier werden wir eine echte Kundennachfrage sehen. Im Wesentlichen werden die EU-Verordnung über Sofortzahlungen, und FedNow in den USA, dazu beitragen, eine Grundlage an Fähigkeiten zu schaffen, die dann eine zweite Innovationswelle ermöglicht.
Lassen Sie uns über diese Innovation sprechen. Welche Auswirkungen wird die Verbreitung von Sofortzahlungen auf Verbraucher und Banken gleichermaßen haben?
FM: Aus europäischer Sicht werden die Auswirkungen enorm sein. Es stimmt, dass es Sofortzahlungen schon seit geraumer Zeit gibt und es gibt zahlreiche Banken, die bereits in irgendeiner Form auf Sofortzahlungen vorbereitet sind. Dennoch werden nur etwa 15-20 % aller Transaktionen über die derzeitigen Sofortzahlungskanäle abgewickelt. Angesichts der engen Zeitvorgaben für die EU-Verordnung gehe ich davon aus, dass bald praktisch jede Transaktion eine Sofortzahlung sein wird.
Viele Banken müssen jedoch die erforderliche Infrastruktur für Sofortzahlungen aufbauen. Wie Alistair bereits erwähnte, werden dann viele neue Dienste und Innovationen auf dieser Ebene entstehen.
Denken Sie zum Beispiel an das aktuelle Kreditkartenmodell. Wenn Sofortüberweisungen regelmäßig und für jedermann kostenlos zur Verfügung stehen, könnte dies die gesamte Wertschöpfungskette im Zahlungsverkehr verändern und zu einer drastischen Verschiebung der Gewinnmargen führen.
AB: Das ist ein guter Punkt. Man kann Kreditkarten im Grunde als eine Steuer auf Bargeld betrachten. Rund 75 Jahre nach ihrer Einführung sind Kreditkarten fest in die globalen Finanzdienstleistungssysteme integriert. Wenn die Banken die Sofortzahlungen richtig umsetzen, und wie Fabian betont, kostenlos für den Verbraucher anbieten, dann stehen die Kreditkartenunternehmen und die damit verbundenen Gebühren plötzlich im Widerspruch zu den Kundenerwartungen. Das ist längst überfällig, denn das aktuelle Modell funktioniert zwar, ist aber teuer.
Was müssen Banken tun, um sich vorzubereiten, und welche Änderungen werden sie vornehmen müssen?
AB: Hier stehen radikale infrastrukturelle Veränderungen bevor. Technologisch gesehen handelt es sich um eine gewaltige Revolution, wenn man bedenkt, dass die Tech-Stacks der führenden Banken bereits jetzt einen Alptraum an Komplexität darstellen. Was die technologische Umstellung betrifft, so ist dies ein gewaltiges Unterfangen. Es handelt sich um komplexe Programme, die mit großer Sorgfalt angegangen werden müssen und die viele Wochen der Erkundung und Analyse, gefolgt von massiven Migrationen, erfordern werden.
FM: Hinzu kommt, dass der Beschluss, den der Rat am 26. Februar getroffen hat, im Wesentlichen besagt, dass neun Monate nach Inkrafttreten dieses Gesetzes jeder verpflichtet ist, Sofortüberweisungen zu erhalten und zwar zum gleichen Preis oder niedrigeren Preis als eine klassische Überweisung. Darüber hinaus gibt es Sanktionen und Mechanismen, die ebenfalls innerhalb dieses Zeitrahmens umgesetzt werden müssen.
Wie bereits erwähnt, wird dies im Wesentlichen dazu führen, dass jede einzelne Überweisung eine Sofortüberweisung sein wird, weil es für den Verbraucher kein Argument mehr gibt, sich für eine Überweisung über herkömmliche Optionen zu entscheiden. Viele Banken müssen ihre Infrastruktur modernisieren, um für Sofortüberweisungen gerüstet zu sein. Aber nicht nur das: Wenn Sie zu den Akteuren im Zahlungsverkehr gehören, die mit dem bestehenden Modell Umsätze erzielen, werden Sie ernsthafte strategische Diskussionen darüber führen müssen, was dieses Urteil für Ihr Geschäftsmodell bedeutet, denn es wird mit Sicherheit Auswirkungen haben.
Alistair, im Consumer Banking Report 2024 von EPAM haben Sie festgestellt, dass Sofortzahlungen oft ein Katalysator für digitale Innovationen sein können. Kann einer von Ihnen beiden darüber spekulieren, wie sich die Banken- und Zahlungsverkehrsbranche infolge der neuen Verordnung entwickeln könnte?
AB: Eines der Mantras der heutigen Zeit ist, dass Open Banking und Instant Payments zu Open Finance führen, was wiederum zu Open Data führt. Letztlich ist das das wichtigste Wort, das hier im Spiel ist: Daten. Wenn man sich die alternativen Regelungen ansieht, die außerhalb Europas auftauchen, um die gleichen Probleme anzugehen, ist das australische Verbraucherdatenrecht besonders interessant. Es ist deshalb so interessant, weil es noch weiter in die Zukunft blickt, wo Daten branchenübergreifend ausgetauscht werden, nicht nur innerhalb der Finanzdienstleistungen, die offen gesagt schon kompliziert genug sind.
Aber wenn man die Nutzung von Daten auf das Gesundheitswesen, den Einzelhandel oder andere Sektoren ausdehnt, die nicht notwendigerweise mit Finanzdienstleistungen verbunden sind, die aber zwangsläufig deren Services in Anspruch nehmen, dann ergeben sich enorme Innovationsmöglichkeiten.
Nehmen wir als Beispiel die Art und Weise, wie Menschen für ihre Gesundheitsversorgung bezahlen: es ist ein absoluter Albtraum, denn dabei werden häufig Papierformulare verwendet, die in eine Vielzahl sehr verwirrender, oft veralteter Systeme eingegeben werden. Diese Prozesse sind reif für die Automatisierung. Dies bringt jedoch eine Reihe von Herausforderungen mit sich, da Daten zwischen Organisationen im Gesundheitswesen und Finanzdienstleistungen fließen müssen. Wenn es gelingt, diesen Datenfluss mithilfe moderner Technologie zu verbessern, bedeutet dies einen enormen Qualitätssprung. Um dies zu erreichen, sind jedoch die Nutzung von Daten und ein System zur Datenmonetarisierung erforderlich.
FM: Ich stimme zu. Der Zahlungsprozess wird in deutlich kleinere Serviceeinheiten zerlegt, die branchenübergreifend und deutlich individueller als bisher in die Nutzererfahrung integriert werden können. Letztendlich ist die digitale Identität, auch als Hyperpersonalisierung bezeichnet, der nächste große Wandel, der nur durch die zunehmende Verbreitung von Daten möglich wird. Dies stellt eine große Chance für Finanzinstitute dar, da sie ihre Angebote direkt auf den Verbraucher zuschneiden und integrieren können.